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Wasserstoff: Spekulation oder Investition?

eingestellt von Uwe am 12. Mai 2021 um 11:48 Uhr | Kategorie: Finanztipps

Wasserstoff gilt als ein vielversprechender Energieträger der Zukunft und versetzt Anleger zugleich in eine euphorische Stimmung. Dies ist mit Blick auf das ein oder andere Kurswunder an der Börse auch nachvollziehbar. Nach vorne betrachtet stellt sich natürlich die Frage, ob es sich hierbei lediglich um einen kurzfristigen Trend, der früher oder später in einer spekulativen Blase endet und/oder um einen nachhaltigen Wachstumsmarkt mit transformativen Kräften handelt. Dabei scheint es hilfreich, verschiedene Aspekte rund um das Themenfeld Wasserstoff zu beleuchten.

Wasserstoff – was ist das überhaupt?

Wasserstoff (H2) ist ein natürliches chemisches Element und kommt nur in gebundener Form vor. Somit muss Wasserstoff zunächst mit Hilfe von Energie von einem wasserstoffreichen Ausgangsstoff getrennt werden. Erst dann lässt er sich als Energieträger speichern und transportieren sowie zur Energieumwandlung einsetzen. Als Ausgangsstoffe kommen z. B. Erdgas (mit seinem Hauptbestandteil Methan), Erdöl, Biomasse und Wasser sowie weitere wasserstoffhaltige Verbindungen in Frage. In der Theorie, aber auch in der Praxis gibt es bislang verschiedene Verfahren bzw. Konzepte zur Wasserstoffgewinnung sowie zahlreiche denkbare Einsatzgebiete.

Nationale Wasserstoffstrategie (NWS) der Bundesregierung

Im Juni 2020 hat die Bundesregierung die Nationale Wasserstoffstrategie beschlossen. Der flexible Energieträger stellt somit eine weitere Säule mit Schubkraft für die geplante Energiewende dar. Ziel ist es, Deutschland zum führenden Wasserstoff-Standort zu machen und gleichzeitig den Dekarbonisierungsprozess (Stichwort: CO2-Neutralität) weiter voranzutreiben. So sind sieben Milliarden Euro für die Förderung von Wasserstofftechnologien und weitere zwei Milliarden für internationale Partnerschaften vorgesehen. Aber nicht nur hierzulande, sondern weltweit, planen Regierungen Aktivitäten im Wasserstoffbereich, um sich von Abhängigkeiten – wie bspw. vom Erdöl – immer weiter zu lösen. Schließlich umfasst der Aktionsplan zur NWS insgesamt 38 Maßnahmenpakete. Diese erstrecken sich von einer kosteneffizienten Erzeugung von Wasserstoff, über die Förderung in verschiedenen Anwendungsbereichen – wie etwa Verkehr, Industrie, Wärmebereich, Infrastruktur/Versorgung oder Forschung und Entwicklung –, der Beachtung des europäischen Handlungsbedarfs, bis hin zum Aufbau eines internationalen Wasserstoffmarktes und außenwirtschaftlichen Partnerschaften.

„Der Energieträger Wasserstoff gilt neben der Elektromobilität
als starke Alternative für die Mobilität der Zukunft.

Allein mit Blick auf die NWS zeigt sich jedoch,
dass das Wasserstoff-Spektrum weitaus vielseitiger ist.“

Farbenlehre des Wasserstoffs

Es können verschiedene Verfahren zur Gewinnung von Wasserstoff angewendet werden. Je nach Art der Erzeugung und der hiermit einhergehenden CO2-Emission (d. h. Kohlenstoffdioxid-Emission), ergibt sich die farbliche Namensgebung. Vermutlich wird der Fokus künftig auf die umweltfreundlichste Produktionsform und somit dem grünen Wasserstoff liegen.

  • Grüner Wasserstoff: Wird Wasserstoff durch Elektrolyse von Wasser hergestellt und kommt für die Elektrolyse ausschließlich Strom aus erneuerbaren Energien zum Einsatz, spricht man vom grünen Wasserstoff. Hier wird von einer CO2-Neutralität gesprochen.
  • Grauer Wasserstoff: Dieser Wasserstoff wird aus fossilen Brennstoffen (-> primär Erdgas) durch Zugabe von Wasserdampf (sog. Dampfreformierung) gewonnen. Dabei wird das CO2 ungenutzt in die Atmosphäre abgegeben.
  • Blauer Wasserstoff: Wird das entstandene CO2 hingegen gespeichert (Carbon Capture and Storage, kurz: CCS) oder weiterverwendet (Carbon Capture and Utilization, kurz: CCU), spricht man von blauem Wasserstoff. Zumindest bilanziell kann diese Art der Produktion als CO2-neutral gewertet werden.
  • Türkiser Wasserstoff: Mittels thermischer Spaltung von Methan (als primären Bestandteil von Erdgas und via Methanpyrolyse) wird türkiser Wasserstoff gewonnen. Dabei entsteht kein CO2 sondern fester Kohlenstoff. Sofern die Energieversorgung des Hochtemperaturreaktors aus erneuerbaren Energiequellen stammt und die dauerhafte Bindung des Kohlenstoffs (bspw. in der Bau- oder Werkstoffindustrie bzw. im Straßenbau) gewährleistet ist, ist das Verfahren CO2-neutral.

Quelle: Bundesministerium für Bildung und Forschung / Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft e.V. (2021).

 

(Schlüssel-)Rolle im Energiesystem der Zukunft

Hinsichtlich der Weiterverarbeitung bzw. den sektorübergreifenden Anwendungsgebieten von Wasserstoff werden oftmals Power-to-X-Technologien (kurz: PtX) genannt. Hierunter versteht man alle Verfahren, die (erneuerbaren) Strom in (flüssige oder gasförmige) chemische Energieträger durch Elektrolyse oder weitere Synthe-seprozesse zur Zwischenspeicherung oder zur Nutzung in anderen Sektoren (sog. Sektorenkoppelung) umwandeln. Dabei beschreibt „Power“ den eingesetzten Strom (bzw. temporäre Stromüberschüsse) und das „X“ die Energieform bzw. den Verwendungszweck. So ist oft von PtX-Technologien wie Power-to-Fuel oder Power-to-Chemicals (-> Verwendungszweck) oder Power-to-Gas oder Power-to-Heat (-> Ener-gieform) zu lesen. Die primären (End-)Anwendungsgebiete erstrecken sich über die Sektoren Strom, Wärme, Verkehr (Stichwort: Mobilität der Zukunft) und Industrie. So lässt sich mit Hilfe von Power-to-X beispielsweise Wasserstoff für Brennstoffzellenfahrzeuge herstellen oder auch Kerosin für den Flugverkehr. Es gibt somit ein breites Anwendungsspektrum von Wasserstoff bei der langfristigen Speicherung von erneuerbaren Energien und für die Sektorkopplung. Die Rolle von Wasserstoff im Energiesystem der Zukunft lässt sich wie folgt darstellen:

Und jetzt? Ein Fazit…

Ebenso wie die Zahl der Initiativen, Allianzen und Kooperationen, steigt die Anzahl nationaler Wasserstoffstrategien. Letztgenannte setzen einen Rahmen und einen Impuls für Wasserstoff als Energieträger der Zukunft. Wichtige Akteure sind dabei natürlich auch die Unternehmen und Investoren. Unabhängig vom spezifischen Anwendungsgebiet wird Wasserstoff als ein wichtiger Baustein im Dekarbonisierungsprozess gesehen und soll somit enorme Wachstumsperspektiven (d. h. Er-tragswachstum) in den kommenden Jahren bieten. Insbesondere dem grünen Wasserstoff wird dabei eine hohe Bedeutung beigemessen.

Uwe Lachenschmid, Leiter Wertpapier

Die aktuelle Goldgräberstimmung an den Börsen mag manchmal an die Dotcom-Blase erinnern. Auch hier lagen Investoren durchaus mit ihren Zukunftsprognosen richtig, brauchten jedoch einen (sehr) langen Atem und viel Geduld. Denn viele Unternehmen verdienten noch nicht wirklich Geld und die Bewertungen waren teilweise aus der Luft gegriffen. Im Laufe der Zeit haben sich viele Technologieunternehmen jedoch positionieren können und hielten hinsichtlich ihrer Versprechen Wort. Es ist davon auszugehen, dass es sich ähnlich bei wassertoffbasierten Technologien verhält. Langfristig müssen auch hier die Technologien und Unternehmen profitabler bzw. wirtschaftlicher werden. Und genau hierin liegt die Hoffnung der Kapitalmärkte, die auf den langfristigen Erfolg von Unternehmen mit neuen Konzepten und Alternativen setzen und dies zugleich mit hohen Marktbewertungen honorieren bzw. diese tolerieren. Wie (fast) immer, werden mit Blick auf neue Technologien insbesondere die Ausrüster anfänglich am stärksten wachsen und sich am Markt positionieren. Im Kontext von Wasserstoff sind dies die Hersteller von Elektrolyse-Anlagen, Infrastruktureinrichtungen und die Produzenten von Komponenten.

Im Ergebnis sollten Investoren auch hier die langfristige Investition und nicht den spekulativen (Kurz-)Fristcharakter in den Vordergrund der Anlageentscheidung stellen und zugleich auf eine breite Streuung der Risiken achten.

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